Bundesfachverband für die ökologische Schweinehaltung
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Bio-Schweine - Marktgeschehen und Ebermast
ABD e.V. / 02.12.2009, 10:11

Zusammen mit der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen lud das Aktionsbündnis Bioschweinehalter Deutschland e.V. am 28. und 29. Oktober 2009 zu einer zweitägigen Informationsveranstaltung nach Haus Düsse ein. Neben Veränderungen in der Entwicklung des Bio-Marktes, die den Bio-Schweinemarkt als hochpreisigen Nischenmarkt besonders betreffen, standen aktuelle Versuchsergebnisse zur Ebermast im Vordergrund der Tagung. An der interessanten Veranstaltung nahmen rund 60 Landwirte, Berater und Vermarkter aus ganz Deutschland und den benachbarten Niederlanden teil.
Einen umfassenden Überblick über die aktuelle Marktentwicklung gab Diana Schaak von der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft mbH (AMI), die sich seit Juni dieses Jahres auch mit der Berichterstattung über den Ökomarkt beschäftigt. Schaak bestätigte Pressemitteilungen der vergangenen Wochen, dass der Biomarkt kaum noch wachse. Demgegenüber habe sich der Markt für Bio-Frischfleisch mit einem Wachstum von 11,1 Prozent von Januar bis September 2009 im Vergleich zum gleichen Zeitraum des Vorjahres auf den ersten Blick sehr positiv entwickelt. Diese Steigerung ist jedoch ausschließlich auf den um 29,5 Prozent gestiegenen Anteil an verkaufter SB-Ware zurückzuführen. Dahinter verbirgt sich der erfolgreiche Absatz von gemischtem Hackfleisch bei einigen Discountern. Gleichzeitig sank der Umsatz mit losem Frischfleisch, welches an Bedientheken verkauft wird, um 3,8 Prozent. Nach Angaben von Schaak, deren Daten teilweise auf Erhebungen der Gesellschaft für Konsumfor-schung basierten, konnten die Discounter ihren Umsatz mit Bio-Frischfleisch um fast 44 Prozent steigern während der Naturkosthandel starke Einbußen hinnehmen muss-te. Beim Verkauf von Fleisch- und Wurstwaren in Bioqualität blieb hingegen die verarbeitete Menge von Januar bis September 2009 im Vergleich zu 2008 unverändert. Allerdings sanken wie beim Bio-Frischfleisch die Verarbeitungsanteile von lose verkaufter Ware während SB-Ware deutlich besser lief. Auch hier konnten die Discounter ihre Umsatzanteile steigern.
Deutschland ist in Europa mit 250.000 erzeugten Mastschweinen und einem Bestand von etwa 18.000 Zuchtsauen der größte Produzent von Bio-Schweinen. Dies entspricht jedoch nur einem Anteil von etwa 0,5 Prozent an den insgesamt produzierten Schweinen. Seit rund einem Jahr erzielen Bio-Schweinehalter einen Preis für E-Schweine von etwa 2,88 €. Der im Vergleich zum konventionellen Markt stabile Preis dürfte auch auf die leichte Unterversorgung des Marktes mit Bio-Schweinen zurückzuführen sein. Um den deutschen Bio-Markt zu bedienen werden vor allem aus Dänemark und den Niederlanden Bio-Schweine importiert.
Die vergleichsweise gute Bio-Getreideernte in Deutschland und das reichliche Angebot aus Osteuropa führten zu einer bemerkenswerten Absenkung der Preise für Bio-Getreide. Nach über 40 €/dt im Frühjahr 2008 sanken die Preise mittlerweile auf un-ter 20 €/dt über alle Getreidearten hinweg, wobei Verbandsware weiterhin einen gewissen Preisaufschlag erzielt.
Die konstanten Preise für Bio-Schweine und Bio-Ferkel bei erheblich gesunkenen Preisen für Futtermittel bescheren den Bio-Schweinehaltern aktuell eine bessere Rentabilität. Nach der langen Durststrecke der vergangenen zwei Jahre ist dies jedoch auch bitter notwendig. Die knappe Versorgung des Marktes ist auch darauf zurückzuführen, dass manche Bio-Betriebe ihre Bestände heruntergefahren haben oder ganz aus der Bio-Schweinehaltung ausgestiegen sind.
Mit 1.500 Lieferbetrieben, davon 800 als Gesellschafter, ist die Naturland Markt GmbH eines der größten Vermarktungsunternehmen im Bio-Bereich. Der Geschäftführer Thomas Sonntag berichtete in seinem Vortrag, dass man in 2008/2009 rund 27.000 Schweine vermarktet habe und in den letzten beiden Jahren in diesem Bereich ein deutliches Wachstum erzielt habe. Für das laufende Geschäftsjahr rechne er mit ähnlichen Zahlen. Die Größe des Unternehmens erlaube es, viele Abnehmer mit sehr unterschiedlichen Qualitätsanforderungen zu bedienen.
Sonntag wies darauf hin, dass die Anforderungen an die Öko-Schweineproduzenten weiter steigen. Bis Ende 2010 müssen alle Schweine in Naturlandbetrieben den Haltungsvorschriften der EU-Bio-Verordnung entsprechen (z. B. Einrichtung von Ausläu-fen nach draußen) und auch die Auflagen in der Fütterung werden immer strenger (ab 2010 nur noch 5 % konventionelle Futtermittel, ab 2012 nur noch ökologische Futtermittel). Diese erhöhe nicht nur die Produktionskosten, sondern der vollständige Verzicht auf konventionelles Kartoffeleiweiß erschwert auch die Produktion magerer Schlachtkörper.
Die Futter- und Rohwarensituation und die Aussichten aus Sicht eines Bio-Mischfutterherstellers erläuterte Ludger Beesten von der Firma Reudink Biologische Futtermittel, die zwei Werke in Deutschland betreibt und insgesamt 60.000 to Biomischfutter in 2008 hergestellt hat.
Aktuell sind die Preise für Biofuttermittel nach Angaben von Beesten auf einem niedrigen Stand. Im Oktober seien sie im Vergleich zum Vormonat noch einmal zurückgegangen, so dass Roggen für 15 €/dt und Weizen für unter 20 €/dt zu bekommen sei. Aufgrund des Angebotes aus Osteuropa notieren auch Erbsen und Bohnen nur noch um die 30 €/dt. Damit haben sich die Preise im Vergleich zu den Spitzenpreisen Anfang 2008 bei Getreide halbiert. Allerdings gab es dieses Preisniveau auch in 2002/2003 schon einmal.
 
Auch Bio-Sojakuchen ist im Preis gesunken (aktuell 54 €/dt bei 42 % Rohprotein), wobei man aufgrund der Unsicherheiten bei chinesischen Qualitäten mittlerweile aus-schließlich auf Ware aus Österreich und Italien zurückgreife. Überraschenderweise wird viel Umstellungsware angeboten, was auf viele Umstellungsflächen in Osteuropa hinweist. Insgesamt ist nach Beesten der Markt mit Futter aufgrund des größeren Angebots und aufgrund des langsamer wachsenden und in manchen Länder sogar eingebrochenen Bio-Marktes gut versorgt.

Den Schwerpunkt des zweiten Teils der Tagung zur Ebermast eröffnete Dr. Friedhelm Adam von der Landwirtschaftskammer NRW mit dem Hinweis, dass die Suche nach Alternativen zur herkömmlichen Ferkelkastration "die Herausforderung für die Branche" darstellt. Nach einem anschaulichen Überblick über die Vermeidung von "ausgeprägtem Geschlechtsgeruch" von Eberfleisch bewertete Dr. Adam die einzelnen Alternativen anhand verschiedener Parameter wie Schmerzlinderung, Praktikabilität, Verbraucherakzeptanz und Wirtschaftlichkeit. Kurzfristig favorisiert Dr. Adam die Schmerzlinderung nach dem Eingriff, wie sie in der "Düsseldorfer Erklärung" festgelegt sind. Die Vollnarkose habe Nebenwirkungen sowohl für die Tiere als auch für den Anwender und kann zudem in Deutschland nur von einem Tierarzt durchgeführt werden. Auch die lokale Betäubung in den Hoden sei abzulehnen, da sie erheblichen Schmerz und demzufolge Stress für das Tier verursache.
Die Zucht auf geruchsloses Eberfleisch bedarf eines Zeitraumes von sicherlich zehn Jahren, da das züchterisch zu bearbeitende Merkmal mit anderen gewünschten Merkmalen negativ korreliere (zusammenhänge) und daher vergleichsweise aufwändig sei. Aufgrund des hohen Erblichkeitsgrades hält Adam die züchterische Bearbeitung grundsätzlich aber für erfolgversprechend.
Besondere Interesse fand Dr. Adams Vorstellung des umfangreichen Ebermastversuches im Landwirtschaftszentrum Haus Düsse. In einer Versuchsvariante in Gruppenhaltung wurden Eber bis zu einem Schlachtgewicht von 85 bzw. 95 kg gemästet. Dabei erhielt ein Teil der Tiere Standardfutter, ein anderer proteinreduziertes Futter. Als Vergleichsgruppe dienten Sauen. In einer zweiten Versuchsvariante wurde 81 Eber in Einzelhaltung gemästet. Die Varianten unterschieden sich in der Fütterung (Protein-reduzierung, Standard, Proteinzulage) und ebenfalls im Schlachtgewicht (85 bzw. 95 kg).
Nach den Erfahrungen aus den Versuchen lässt sich festhalten, dass Eber weniger fressen als Kastrate und daher ad libitum gefüttert werden können. Sie haben eine bessere Futterverwertung und bilden dabei mehr Fleisch und weniger Fett. Demgegenüber fällt die Ausschlachtung niedriger aus, weil vor Ermittlung des Schlachtgewichtes fast 1,5 kg Hoden und Nebenhoden sowie weiteres Gewebe im Bereich der Geschlechtsorgane entfernt werden muss.
Im Vergleich zu den Sauen erreichten die Eber mit 818 g bei einem Schlachtgewicht von 95 kg deutlich höhere Zunahmen als die Sauen, die auf 728 g kamen. Die mit 85 kg geschlachteten Eber erzielten sogar 850 g, lagen aber auch damit noch unter den Werten, die jüngst Kastrate im Warentest (887 g) erreichten. Mit durchschnittlich 54 cm2 verfügten die Eber über deutlich weniger Rückenmuskelfläche als die Sauen (60 cm2), glichen dies aber durch 2 bis 4 mm dünneren Rückenspeck wieder aus, so dass je nach Variante der Magerfleischanteil nur etwa 1 bis 2 Prozent niedriger lag als bei den Sauen.
Über die Wirtschaftlichkeit der Ebermast lassen sich nur erste Tendenzen formulieren. Im Ergebnis haben die Sauen trotz ihrer geringeren Tageszunahmen aufgrund ihrer besseren Schlachtkörper die Nase vorn. Ein Reduzierung des Schlachtgewichts auf 85 kg ist aus wirtschaftlicher Sicht nicht vertretbar.
Der Düsser Versuch sollte auch Auskunft über die Verzehrtauglichkeit von Eberfleisch geben. Der Ebergeruch resultiert im Wesentlichen aus der Bildung des Geschlechtspheromons Androstenon und dem im Dickdarm gebildeten Stoffwechselprodukt Skatol. Es ist jedoch nicht möglich für diese beiden Stoffe exakte Grenzwerte zu definieren, ab denen eine Geruchsbelästigung des Verbrauchers zu erwarten ist. Man schätzt, dass etwa 15 bis 30 Prozent der Frauen und 20 bis 40 Prozent der Männer Adrostenon überhaupt nicht riechen können. Bei anderen Menschen können im Einzelfall schon sehr niedrige Gehalte eine erhebliche Belästigung auslösen. Nimmt man hilfsweise den ehemals geltenden Grenzwert von 0,5 m…. g Androstenon bzw. den damaligen Richtwert 250 ng Skatol je g Fett als Maßstab, konnten knapp 32 Prozent der Düsser Versuchseber als "unverdächtig" eingestuft werden. Rund 10 Prozent der Tiere überschritten beide Schwellenwerte. Über 50 Prozent der Tiere wären allein schon wegen eines zu hohen Androstenongehaltes als genussuntauglich eingestuft worden. Ein Zusammenhang zwischen einem niedrigeren Schlachtgewicht und geringeren Geruchsauffälligkeiten konnte in den Versuchen nicht festgestellt werden, so dass eine Absenkung des Schlachtgewichts auf 85 kg hier nicht zielführend ist, zumal dies - wie schon erwähnt - schon allein aus wirtschaftlichen Gründen nicht anzustreben ist.
Analytisch als genussuntauglich eingestufte Schweine können bei Geruchs- und Ge-schmacksproben durch Testpersonen jedoch als durchaus angenehm eingestuft werden und umgekehrt. Dr. Adams wies daher darauf hin, dass Analytik und Sensorik gleichzeitig bei der Beurteilung einbezogen werden müssen.
Erste Praxiserfahrungen mit der Ebermast sammelte Heinrich Rülfing, der in Rhede zusammen mit seiner Frau Regine einen Bioland-Betrieb mit ca. 1.000 Mastplätzen bewirtschaftet. Der Betrieb arbeitet mit einer Flüssigfütterung mit Brotresten, Gerste, Sojaöl und Biertreber als wesentlichen Komponenten.
In zwei 50er-Gruppen wurden 100 Sauen und Eber, die seit der Ferkelaufzucht zusammen sind, gemeinsam gehalten. Die Tiere zeigten laut Rülfing ein "hervorragen-des Wachstum". Nach etwa 100 Tagen steigerte sich die Aktivität in den Buchten. Nach weiteren 20 Tagen war intensives Bespringen zu beobachten. Einige Tiere erlitten einen blutigen Penis oder waren durch aufspringende Tiere einer erheblichen Belastung ausgesetzt, was klare Leistungseinbußen zur Folge hatte. Einzelne Tiere wurden daher absortiert und separat untergebracht.
 "Herausforderungen bringen uns immer weiter." Dr. Wilhelm Jaeger von der Firma Tönnies betrachtet die Ebermast weniger als Problem denn als Aufgabe. Ursprünglich habe man gedacht, dass die Diskussion um die Ebermast "kommt und wieder geht", so wie es in der Vergangenheit auch schon mehrfach war. Als klar wurde, dass die Kastration in der bisher praktizierten Form schon bald der Vergangenheit angehören wird, entschied man sich die Frage offensiv anzugehen und lud zur Meinungsbildung zunächst Tierschützer und dann Landwirte ein.
Mittlerweile schlachtet das Unternehmen wöchentlich 5.000 Eber sowie rund 1.500 Binneneber und Jungeber aus Zucht- und Vermehrungsbetrieben. Jeder Lieferant kann jederzeit - auch schrittweise - auf die Ebermast umstellen. Gewünscht ist dabei ein Schlachtgewicht von 94 kg. Da sich Autofom auch aus Sicht von Dr. Jaeger nicht für die Eberklassifizierung eignet, werden die Tiere pauschal bezahlt.
Den eberspezifischen Geschlechtsgeruch erfasst die Firma Tönnies sowohl sensorisch im Backofen als auch analytisch in Zusammenarbeit mit dem Frauenhoferinstitut in Schmallenberg. Die elektronische Nase ist dabei aus Sicht von Dr. Jaeger zwar "wünschenswert, aber nicht zwingend erforderlich".
Auch wenn es zunehmend praktische Erfahrungen mit der Ebermast unter aktuellen Rahmenbedingungen gibt, zeigte die Veranstaltung auf, dass noch viele Fragen offen sind. Beispielsweise müsse der Bedarf der Eber noch genauer ermittelt werden. Auch die pauschale Bezahlung der Eber kann auf die Dauer nicht zufrieden stellen. Insofern schloss Dr. Jaeger die Veranstaltung passend ab, indem er die Aktivitäten der Firma Tönnies bei der Erhaltung der Schweinerasse Turopoljer kurz darstellte. Die Rasse ist erst mit 20 Monaten geschlechtsreif und damit die spätreifeste bekannte Schweinerasse, die zudem auch noch außerordentlich robust und krankheitsresistent ist. Mit dieser Rasse wird nun begonnen zu züchten, denn wenn man nach zehn Jahren schon Ergebnisse erwarten könne, dann sei das angesichts von 200 Jahren Kastration doch ein überschaubarer Zeitraum. Dann solle man am besten sofort "starten"!


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Nächste ABD-Tagung
am 14. und 15. September 2010
siehe Flyer


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